Transit von Mark Braun
In der Stadtgalerie bezieht er in seine künstlerische Auseinandersetzung Designprozesse ein.
Ursprünglich zur feuersicheren Aufbewahrung für Wertgegenstände gedacht, hüten die von Mark Braun konzipierten Brandschränke in der Stadtgalerie (fiktive) Lebensgeschichten. Die Möbel bewahren und beschützen – nicht nur physische Objekte, sondern auch Erinnerungen, Identitäten und Erfahrungen.
Mark Braun untersucht punktuell dynamischen und fortwährenden Transit mit besonderem Bezug zur Grenzregion. Das Saarland ist geprägt von Migration, Bewegung, Grenzüberschreitungen und kulturellem Austausch.
Kurzbio
Nach seiner Ausbildung zum Tischler absolvierte Mark Braun (1975) ein Studium in Produktdesign an der Fachhochschule Potsdam, der Design Academy Eindhoven und an der Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein in Halle. Nach Abschluss seines Studiums gründete Mark Braun ein eigenes Designstudio in Berlin, das für hochwertige Leistungen im Bereich von industriell gefertigten Produkten, Accessoires, Möbeln und Leuchten steht. Zahlreiche seiner Arbeiten wurden mit renommierten Preisen ausgezeichnet unter anderen mit dem iF Design Award und dem German Design Award in Gold. Der Designer hat seit dem Sommersemester 2015 eine Professur für Produkt-/Industriedesign an der HBKsaar.
Prompts und KI
Die fiktiven Lebensgeschichten sind über Prompts von Künstlicher Intelligenz (KI) generiert und gesprochen. Was entsteht, wenn die Geschichten von Menschen im Transit über Künstliche Intelligenz generiert werden?
Als Ort der kritischen Zuversicht fragen wir mit Mark Braun, wie authentisch eine Lebensgeschichte repräsentiert werden kann, ohne dass sie erlebt wurde. Wie lassen sich Spuren des Lebens in Gegenstände einschreiben und sichtbar machen?
Was entsteht, wenn die Geschichten von Menschen im Transit über KI generiert werden? Auf welche Daten stützt sich die KI, um diese zu schreiben? Produziert sie archetypische Erzählungen? Oder sind sie bezeichnend für die Lebensrealität von Menschen im Transit? Wie authentisch kann eine KI- generierte Lebensgeschichte sein?
Die Lebenssituationen verschiedenster Menschen lassen sich nicht abbilden. In Zeiten diverser Krisen arbeitet die Stadtgalerie mit vielen Beteiligten an wünschenswerten Zukünften. Dazu gehört auch, gerechtere Entwicklungen in allen Bereichen zu fördern und Themen aus verschiedenen Perspektiven zu untersuchen. Um jeweiligen Lebenserfahrungen gerecht zu werden, bedarf es einer permanenten Auseinandersetzung mit Beteiligten und Betroffenen. Unabhängig von Herkunft, Status, Geschlecht oder anderen Merkmalen sind Menschenrechte universell und sollten jedem Menschen weltweit zustehen.
Das Konzept der Ausstellung
Jeder der acht Brandschränke, die in beiden Räumen des 2. Obergeschosses zu sehen sind, ist individuell auf eine Lebensgeschichte gestaltet und aus Sperrholz hergestellt. Auf der Oberseite befinden sich Codes. Sie bestehen aus Buchstaben, Zahlen und Symbolen und geben weitere Informationen zum Transitkontext der Person. Raumbildend ist jeder Lebensgeschichte ein Vorhang zugeordnet, der den Lichteinfall eines fiktiven Fensters abbildet und den Transitkontext grafisch interpretiert. Der Vorhang fungiert als Tor zu etwas Neuem oder auch als Schutz um sich oder etwas zu verbergen.
Der Zustand des Transits (vom lateinischen trans = „durch“ und ire = „gehen“) ist sowohl freiwillig als auch aus Notwendigkeit heraus begründet. Die Ausgangspunkte dafür sind vielfältig: Sie reichen von neuen beruflichen Perspektiven und besseren Bildungsangeboten über den Transit aus Liebe bis hin zur Flucht vor Vertreibung, Krieg oder den Auswirkungen des Klimawandels.
Die räumliche Anordnung erinnert an Übergangsorte, wie man sie in verschiedensten Transit Situationen kennt: Wartebereiche am Flughafen, Zugabteile oder Haltestellen.
Die einzelnen Transit-Geschichten wurden unter der Verwendung von Künstlicher Intelligenz (ChatGPT) generiert. Ideengeber für die Prompts (Anweisungen/Fragen an die KI) war Mark Braun. Kuratorisch wählte er unterschiedliche Lebensgeschichten aus.
Im Saarland ist die Geschichte des Transits durch den Kohlenbergbau und die industrielle Entwicklung geprägt. Bereits im 19. Jahrhundert hat das Saarland Arbeiter*innen aus verschiedenen Regionen in der Nähe des Saarlandes, aber auch aus verschiedenen europäischen Ländern angezogen. Ab den 50er Jahren sind Arbeitsmigrant*innen, vor allem aus Italien, angekommen. Das Saarland ist außerdem eine grenzüberschreitende Region und es finden täglich Grenzübertritte aus persönlichen oder beruflichen Gründen statt.
Künstliche Intelligenz und Autorenschaft
Künstler*innen haben schon immer Technik und Technologien genutzt, um Werke zu schaffen. Die Schaffung durch generative KI bewegt sich heute jedoch in einer unter anderem rechtlichen Grauzone.
Wer sind die Autor*innen eines von KI erzeugten Bildes oder Textes: die Künstliche Intelligenz, die oder der Entwickler*in der KI und der Plattform, die den Zugang dazu ermöglicht, oder die Person, die den Prompt geschrieben hat, mit dem das Bild/ein Text erzeugt werden kann?
Welche Rolle spielen bei der Frage der Autorenschaft die Urheber*innen der Daten, die von Künstlicher Intelligenz verwendet werden? Alle Künstler*innen, deren Arbeit und Stil die KI trainiert haben? Generative KIs wie ChatGPT sind Wahrscheinlichkeitsprogramme, die jedoch unendlich viele Ergebnisse liefern können. Doch diese Ergebnisse können nur unter der Bedingung einer menschlichen Erkundung entstehen und Bedeutung erlangen.
Aktuelle Grenzen der künstlichen Intelligenz
Die vermeintliche Neutralität von KI trügt, denn die zugrundeliegenden Algorithmen basieren auf bestehenden Datenmustern, die gesellschaftliche Vorurteile und Ungleichheiten widerspiegeln und sogar verstärken können. Dies zeigt sich beispielsweise in Formen wie geschlechterspezifischer Diskriminierung, Racial Profiling, strukturellem Rassismus oder der Verbreitung von Fake News. Die ausgegebenen Texte sind daher von Mark Braun bewusst nicht korrigiert, um diese Diskrepanz sichtbar zu machen.
Anhand welcher Datenbanken wurde der Algorithmus der Künstlichen Intelligenz getestet und trainiert? Wie kann man überprüfen, ob eine Information manipuliert wurde? Es ist also relevant, sich zu fragen, wer den Inhalt erstellt hat, diesen mit anderen Quellen zu kreuzen und sein kritisches Denken zu trainieren.
Wusstest du, dass KI einen sehr großen ökologischen Fußabdruck hinterlässt? Um die an sie gestellten Aufgaben zu erfüllen, werden KI-Modelle darauf trainiert, eine große Menge an Daten zu verarbeiten. Diese Datenverarbeitung findet in sogenannten Datenzentren statt und erfordert eine hohe Rechenleistung, was wiederum sehr energieintensiv ist.